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Warum Linkshänder weniger verdienen

Es gibt das Klischee, dass Linkshänder ungeschickter sind, aber das könnte etwas damit zu tun haben, dass sie in einer Welt von Gegenständen leben, die für Rechtshänder optimiert sind: Scheren, die Computermaus, chirurgische Werkzeuge und Waffen, um nur einige zu nennen. Die Diskriminierung der 12 Prozent der Bevölkerung, die Linkshänder sind, hat entwaffnende historische Wurzeln. Im Mittelalter galten linkshändige Schriftsteller als Sprachrohre des Teufels, und der jüdische Gelehrte Maimonides nahm Sinistralität in seine Liste von 100 Mängeln auf, die jemanden vom Priesteramt ausschließen sollten.

Die Wurzeln reichen noch tiefer, nämlich in die Sprache. Die Bedeutung des englischen Wortes sinister lässt sich auf das lateinische sinistra zurückführen, was „links“ bedeutet. Auch im Französischen, Deutschen, Italienischen, Russischen und Mandarin hat das Wort eine bedrohliche Bedeutung.

Linkshänder haben nicht nur einen kulturellen Nachteil, sondern auch einen kognitiven. Es gibt eine urbane Legende – die wahrscheinlich auf den (letztlich recht lückenhaften) Ergebnissen einer Studie von 1995 beruht -, dass Linkshänder erfinderischer sind, und als Beweis wird die Tatsache angeführt, dass vier der letzten sieben amerikanischen Präsidenten Linkshänder waren.

Tatsächlich deuten die Daten auf das Gegenteil hin: Linkshänder schneiden bei kognitiven Tests schlechter ab und haben ein um 50 % höheres Risiko für Verhaltensprobleme und Lernschwächen (z. B. Legasthenie). Auch Menschen, die an Schizophrenie leiden, sind mit größerer Wahrscheinlichkeit Linkshänder als Menschen ohne diese Krankheit.

Die wenigen Untersuchungen, die über das finanzielle Schicksal von Linkshändern durchgeführt wurden, haben meist zu der Annahme beigetragen, dass sie besonders kreativ und zukunftsorientiert sind. Eine Arbeit aus dem Jahr 2006 und eine weitere aus dem Jahr 2007 zeigten, dass Linkshänder mehr verdienen als Rechtshänder, wobei die Margen vier bzw. 15 Prozent betrugen.

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In der Herbstausgabe 2014 des Journal of Economic Perspectives hat Joshua Goodman, Assistenzprofessor an der Harvard Kennedy School, eine Arbeit verfasst, die die Forschungsergebnisse mit den dokumentierten Hindernissen für Linkshänder in Einklang bringt. In dem Artikel „The Wages of Sinistrality: Handedness, Brain Structure, and Human Capital Accumulation“ (Die Löhne der Sündhaftigkeit: Händigkeit, Gehirnstruktur und Humankapitalakkumulation) weist Goodman auf statistische Mängel in früheren Studien zur Linkshändigkeit hin und stellt weitere Zahlen zum analytischen Stochern und Stoßen vor. Er analysierte fünf Längsschnittdatensätze (drei aus den USA und zwei aus Großbritannien), die das Leben von Babys über Jahrzehnte hinweg verfolgt haben.

Seine Schlussfolgerung? Linkshänder verdienen deutlich weniger als Rechtshänder.

Daten: Joshua Goodman; Grafik: Elisa Glass/The Atlantic

Der Medianverdienst von Linkshändern liegt etwa 10 Prozent unter dem von Rechtshändern, was dem Gehaltseinbruch entspricht, der entsteht, wenn man ein Jahr weniger in der Schule verbringt. (Apropos Bildung: Linkshänder schließen auch seltener das College ab.) Während der mittlere Jahresverdienst von Rechtshändern und Linkshändern um 1.300 Dollar differiert, ist der Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern noch ausgeprägter: Bei den Männern beträgt er 2.500 Dollar, bei den Frauen 3.400 Dollar. (Da Männer mit größerer Wahrscheinlichkeit mehr verdienen und auch häufiger Linkshänder sind, ergeben sich bei den geschlechtsspezifischen Daten andere Unterschiede als bei den Gesamtdaten)

Was könnte diese Diskrepanz erklären? Man könnte meinen, dass Linkshänder weniger verdienen, weil sie körperlich im Nachteil sind, wenn sie mit Gegenständen konfrontiert werden, die für Rechtshänder gemacht sind. Aber das scheint nicht ganz richtig zu sein, denn Goodman fand heraus, dass Linkshänder eher in manuellen Berufen arbeiten. Stattdessen liegt es wahrscheinlich an den kognitiven Problemen, von denen Linkshänder statistisch gesehen eher betroffen sind als Rechtshänder.

Die Bestimmung, warum diese Nachteile entstehen, ist schwieriger – es scheint keine eindeutige Ursache für Linkshändigkeit zu geben. Es hat den Anschein, dass die Veranlagung zumindest teilweise genetisch bedingt ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind Linkshänder ist, ist um 50 % höher, wenn seine Mutter Linkshänderin ist, und das Merkmal könnte auf die Struktur des Gehirns eines Babys zurückzuführen sein. Es gibt jedoch auch andere, nicht genetische Erklärungen, die diese Tatsachen erklären: Kinder mit linkshändigen Müttern neigen vielleicht einfach dazu, diese nachzuahmen, und eine stressige pränatale Umgebung könnte dazu führen, dass einige Funktionen der linken Gehirnhälfte im Mutterleib auf die rechte Seite des Gehirns verlagert werden. So oder so – Natur oder Erziehung – ist Händigkeit ein Merkmal, das von Geburt an langfristige Auswirkungen auf das persönliche wirtschaftliche Wohlergehen zu haben scheint.

Wie haben es also Linkshänder geschafft, zwischen mittelalterlicher Verfolgung und moderner Lohndiskriminierung seit biblischen Zeiten zu überleben? Ausnahmsweise deutet die Forschung überzeugend darauf hin, dass sie einen evolutionären Vorteil haben – oder zumindest hätten sie das vor Hunderten von Jahren haben können.

Im Jahr 2005 wurde in der Zeitschrift Proceedings B eine Arbeit veröffentlicht, in der die Theorie aufgestellt wurde, dass Linkshändigkeit in der vormodernen Welt überlebt hat, weil sie einigen wenigen Menschen einen Vorteil im Kampf verschaffte (ein Schlag aus einem ungewöhnlichen Winkel kann schwer abzuwehren sein). Die Forscher Charlotte Faurie und Michel Raymond analysierten Daten aus Gesellschaften, in denen Konflikte noch mit Handgreiflichkeiten ausgetragen wurden. Die Zahlen untermauern ihre Theorie: 22,6 Prozent der im Amazonasgebiet lebenden Yanomamo (jährliche Mordrate: vier Tote pro 1.000) waren Linkshänder, während nur 3,4 Prozent der Dioula-sprachigen Bevölkerung von Burkina Faso (Mordrate: 0,013 pro 1.000) Linkshänder waren.

Es ist eine elegante (vielleicht zu elegante) Erklärung dafür, warum es die Linkshändigkeit noch gibt. Aber heutzutage liegen ihre einzigen offensichtlichen körperlichen Vorteile leider dort, wo der Einsatz der dominanten Hand weniger erwartet wird – beim Baseball, Boxen und Tennis.

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